Die Westfalen und Karneval – passt das überhaupt?

von Matthias Welp

Heutzutage wird Traditionen im Allgemeinen ein prozessualer Bedeutungsverlust in der stärker säkularisierten Gesellschaft zugeschrieben (vgl. Thompson 1996, S. 89). Daraus folgt indes nicht, dass Traditionen obsolet geworden sind, sondern sie verlieren einen Teil ihrer fundamentalen Rituale. Die bestehenden Traditionen besitzen noch immer eine starke Bedeutung in der Sozialisation und Identitätsbildung. Insbesondere die durch traditionelle Veranstaltungen geschaffene Gemeinschaftlichkeit ist hierfür wichtig (vgl. Giddens 2001, S. 63 u. Schimank 2002, S. 135).

Die gesellschaftliche Bedeutung der Gemeinschaftlichkeit sorgt dafür, dass Traditionen im Rahmen von Stadtmarketing als Event mit dem Ziel vermarktet werden, die Städte in ihrem Konkurrenzkampf um Einwohner, Industrieansiedlungen, Investitionen etc. zu positionieren. Der Karneval stellt in diesem Zusammenhang mit seiner kulturhistorischen Bedeutung und als Start des gemeinsamen Feierns im Jahresverlauf einen wichtigen Bestandteil dar.

 

Karneval in Westfalen und die Hochburg MÜnster

In Deutschland ist der Karneval insbesondere durch die mediale Omnipräsenz des Rheinlandes geprägt. Auch das Feiern von Fasching und Fastnacht in Süddeutschland wird medial bundesweit transportiert. Demgegenüber wird der westfälische Karneval eher untergeordnet beleuchtet. Vielfach wird das Klischee der "sturen Westfalen" als unvereinbar mit dem fröhlichen Karneval dargestellt. Besonders im Rheinland wird den Westfalen das Feiern und Lustigsein abgesprochen bzw. der westfälische Karneval leicht belächelt. Die allgemeine Zurückhaltung der Westfalen im Karneval wird z. B. in der geringen Kostümierung und dem minder ausgeprägten Kneipenkarneval deutlich.

Diesem allgemeinen Klischee widerspricht allerdings, dass auch in Westfalen lebhaft Karneval gefeiert wird. In vielen Städten und Gemeinden haben sich ausgeprägte "Karnevalsszenen" entwickelt, welche die wichtigsten Bestandteile vereinen: Spielmannszüge, Tanzgruppen und Karnevalsgesellschaften. Vielerorts sind auch weitere – oftmals kleinere und kleinste – Gruppen der Zivilgesellschaft elementare Träger des Brauchtums, wie etwa Kegelklubs, Gesangsvereine o. Ä. Insgesamt wird der Karneval durchweg von starkem ehrenamtlichen Einsatz getragen, das beispielsweise in der Kinder- und Jugendarbeit besonders erfolgreiche Früchte trägt: Es stammen vielfache Deutsche Meister diverser karnevalistischer Tanzformen aus dem Münsterland und Westfalen.

Karnevalsumzüge und -veranstaltungen gibt es u. a. in folgenden westfälischen Städten und Gemeinden: Beckum, Everswinkel, Greven, Havixbeck, Münster, Ottmarsbocholt, Sendenhorst, Warendorf u. v. m. Das Oberzentrum Münster wird aufgrund seiner starken Karnevalsszene als westfälische Karnevals-Hochburg bezeichnet. In Münster sind über 5.100 Personen in 40 Karnevalsgesellschaften aktiv. Es gibt pro Session mehr als 180 Veranstaltungen, von denen die Kernveranstaltungen des Sessionsauftaktes, der Schlüsselübergabe, der Umzüge in den Stadtteilen Wolbeck und Sprakel und der Rosenmontagszug in Münster über 133.000 Besucher anziehen. Die Herkunft der Besucher ist vor allem in Münster und dem Münsterland anzusiedeln. Die Münsteraner stellen mit ca. 72% den Großteil der Besucher und die angrenzenden Kreise Coesfeld, Steinfurt und Warendorf vereinen ca. 17%. Die übrigen Besucher sind überregional einzuordnen (Abb. 1).

Eine überregionale Bedeutsamkeit kann für die Fernseh-Gala "Westfalen haut auf die Pauke" bestätigt werden, die am Karnevalsdienstag im WDR ausgestrahlt wird und bundesweit etwa 1,1 Mio. Zuschauer erreicht. In dieser Gala treten Künstlerinnen und Künstler aus ganz Westfalen auf und stellen ihr Können in den drei zentralen karnevalistischen Ausdrucksformen – Gesang, Wort und Tanz – unter Beweis.
 

Das karnevalistische Image Münstes

Obwohl die Hochburg-Bezeichnung für Münster im Volksmund existiert, besitzt Münster kein ausgeprägtes Karnevals-Image. Der Karneval wird in Untersuchungen zum Selbst- und Fremdbild nicht unmittelbar genannt (vgl. Stadt Münster 2008a u. 2008b). Lediglich über allgemeine Kategorien wie Freizeit(-angebot) und Kultur könnte ein Imageeinfluss des Karnevals interpretiert werden.

Die Assoziation Münsters mit dem Karneval ist vor allem über den Rosenmontagszug zu erklären. Mit über 100.000 Besuchern ist dieser Teil des Straßenkarnevals für die Region herausragend, was sich in einem hohen Bekanntheitsgrad in der diesem Aufsatz zugrunde liegenden Untersuchung widerspiegelt. In der Zufriedenheit der Besucher mit den Veranstaltungen ist deutlich erkennbar, dass der Rosenmontagszug nicht so zufrieden stellend ist, wie beispielsweise die Karnevalsumzüge in Sprakel oder in Wolbeck. Insgesamt wird die Zufriedenheit mit den abgefragten Veranstaltungen kritisch gesehen, was in der städtischen Bürgerumfrage noch deutlicher zum Ausdruck kommt. Auch im Vergleich zu anderen Events in Münster wird der Rosenmontagszug schwach bewertet (vgl. Stadt Münster 2007 u. 2009 sowie Welp 2009).

Ein eindeutiges Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Städten gibt es im Münsterschen Karneval nicht. Als Besonderheiten werden spezielle kleinere Bräuche, die besondere Atmosphäre, der westfälische Bezug im Karneval und die allgemeine Charakteristik der Münsteraner genannt. Besonders positive Aspekte des Münsterschen Karnevals werden mit der guten Stimmung, dem Treffen fröhlicher Leute, die Karnevals-umzüge, das gemeinsame Feiern und die Kostümierung benannt (Abb. 2). Hierbei fällt insbesondere der soziale Faktor des Karnevals auf, der über ethnische, soziale und religiöse "Grenzen" hinweg die Menschen verschiedener Generationen verbindet. Unter den negativen Aspekten des Münsterschen Karnevals wurde vor allem die Alkoholproblematik genannt, die allerdings ein generelles Dilemma von Großveranstaltungen ist und nicht speziell dem Karneval angelastet werden kann. Weitere eher untergeordnete Punkte waren Verschmutzungen, die Stimmung der Münsteraner und organisatorische Probleme.

Das positiv besetzte Image des Münsterschen Karnevals sorgt nach Aussage der Befragten für eine entsprechende Wirkung auf das Stadtimage. Positive Auswirkungen sind der Effekt eines Publikumsmagneten (vor allem des Rosenmontagszuges), das gemeinsame Feiern, zivilgesellschaftliche Effekte und das Transportieren eines positiven und bunten Bildes fröhlicher Münsteraner. Vor allem der letztgenannte Aspekt steht dem schon angesprochenen Klischee der sturen Westfalen konträr gegenüber.

In geringem Umfang wurden negative Wirkungen auf das Münstersche Stadtimage angesprochen. Hierbei sind vor allem die Alkoholproblematik, Randerscheinungen oder Verschmutzungen angeführt worden. Aber auch der Gegensatz zum Rheinland wurde genannt, also wiederum die Anspielung auf das Westfalen-Image. Insgesamt gesehen wirkt der Karneval auf die kollektive Identität der Münsteraner, also innengerichtet.

Ökonomische Effekte des Karnevals

Wie jede Veranstaltung generiert auch der Karneval ökonomische Effekte in der Stadt und dem Umland. Bei der Untersuchung des Ausgabeverhaltens der Besucher ausgewählter Kernveranstaltungen konnten Ausgaben von ca. 130 Euro pro Person pro Session ermittelt werden. Wenn dieser Wert auf die prognostizierte Besucherzahl umgerechnet wird, so ergibt sich ein Volumen von ca. 18 Mio. Euro. Hinzu kommen noch die Ausgaben der Karnevalsgesellschaften, die sich auf ca. 24.000 Euro pro Jahr und Karnevalsgesellschaft belaufen, dies ergibt hochgerechnet eine Gesamtsumme von ca. 1 Mio. Euro. Der Großteil aller Ausgaben fließt direkt nach Münster und in das Münsterland (vgl. Welp 2009).

Fazit

Der Karneval in Münster besitzt ein positives Image. Außerdem haben die Karnevalsszene und der Rosenmontagszug als größte Karnevalsveranstaltung in Westfalen regionale Ausstrahlungskraft. Zur Beurteilung der Zufriedenheit mit dem Karneval kann gesagt werden, dass es auch zahlreiche kritische Stimmen gibt. Ferner ist die Wahrnehmung des Karnevals durch die Stadtbevölkerung noch nicht ausreichend bzw. eingeschränkt. Das Potenzial des Karnevals für Stadt und Bevölkerung wird noch nicht voll erkannt und ausgeschöpft.
 

Die Geselligkeit, die Abwechslung vom Alltag, das bunte Treiben und das gemeinsames Feiern sind die hervorzuhebenden Effekte des Karnevals für die Gesellschaft. Durch diese Aspekte kann die Frage "Die Westfalen und Karneval – passt das überhaupt?" durchaus bejaht werden. Die Westfalen können Karneval feiern und damit dem Image der sturen Westfalen entgegenwirken. Der westfälische Karneval hat seine regionalen Eigenheiten, was zu bewahren und auszuweiten ist. Ein Angleichen an rheinländische Hochburgen wäre ein falscher Schritt in Richtung von Uniformisierung und Austauschbarkeit – das wäre nicht Sinn und Zweck des Karnevals, vielmehr sollte die Vielfalt und Freude im Vordergrund stehen.

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Weiterführende Literatur/Quellen

  • Giddens, A. (2001): Entfesselte Welt. Wie die Globalisierung unser Leben verändert. Frankfurt 
  • Schimank, U. (2002): Das zwiespältige Individuum. Zum Person-Gesellschaft-Arrangement der Moderne. Opladen.  
  • Stadt Münster (Hg.) (2007): Bürgerumfrage 2006. Münster (= Beiträge zur Statistik, Nr. 100)  
  • Stadt Münster (Hg.) (2008a): Wie sehen die Deutschen Münster? Ergebnisse einer bundesweiten Untersuchung zum Image der Stadt. Münster  
  • Stadt Münster (Hg.) (2008b): Bürgerumfrage 2007. Münster (= Beiträge zur Statistik, Nr. 105)  
  • Stadt Münster (Hg.) (2009): Bürgerumfrage 2008. Münster (= Beiträge zur Statistik, Nr. 110)  
  • Thompson, J. B. (1996): Tradition and Self in a Mediated World. In: Heelas, P., S. Lash und P. Morris (Hg.): Detraditionalization. Cambridge, S. 89–108  
  • Welp, M. (2009): Der Karneval in Münster zwischen Event und Tradition – Der Beitrag zum Stadtimage und ökonomische Effekte. Münster (unveröffentlichte Diplomarbeit am Institut für Geographie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster)

Quelle: http://www.lwl.org/LWL/Kultur/Westfalen_Regional/Gebiet_Identitaet/Identitaet/Karneval